Es geht nicht ums Helfen!
May 20
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Dr. Wiebke Vogelaar
Mein Partner hatte heute ein wichtiges Personalgespräch und wurde für seine emotionalen Kompetenzen gelobt. Seine Chefin ist ganz begeistert davon mit einem so feministischen Mann zusammenzuarbeiten!
Ich nehme das Kompliment mal passiv an, da so viel davon (auch) auf meine emotionale und sensibilisierende Arbeit zurückzuführen ist. Ich freue mich, dass sie Früchte trägt – dass da eine sehr gute Chefin auf einen sehr guten männlichen Mitarbeiter trifft, der etwas mit ihrem Ansatz anfangen kann.
Noch mehr freue ich mich, dass ich ich diese Früchte in letzter Zeit auch immer mehr Zuhause kosten darf.
Denn auch in unserer Beziehung gibt es viele Hochs und Tiefs, die auf ungleich verteilte Sorgearbeit, emotionale Unzugänglichkeit und (meine) unbefriedigten Bedürfnisse zurückzuführen sind.
Ich spreche mich schon so lange dazu aus – und doch ist wohl noch lange nicht alles angekommen. Jetzt gab es aber einige absolute Game-Changer, von denen ich dir erzählen möchte:
Am Vorabend des 10. Geburtstags unseres Sohnes im Mai bin ich mit Ballons in der Hand und Kerzen auf dem Tisch komplett „ausgeflippt“. Wieder hatte ich alles eingekauft, geplant, bestellt, seit Wochen und Monaten den Wünschen unseres Sohnes gelauscht und diese umgesetzt.
Mein Partner hatte bei mehreren Dingen vorab gesagt „Da kümmere ich mich drum“. Hat er dann aber nicht, und das hat mich – nach so vielen Jahren und so vielen gesagten Worten – tief verletzt. Ich habe mich alleingelassen und nicht gesehen gefühlt.
Und die Scham darüber, dass es doch bei uns - wo ich doch dazu arbeite - anders laufen müsste, kam noch obendrauf.
Er hat meine Worte und Tränen über sich ergehen lassen, sich gewehrt, zugehört, zugegeben und widersprochen. Hat – wie immer – argumentiert, dass er doch schon so viel mache (er habe schließlich den Kuchen gebacken und packt jetzt die Geschenke mit ein!) und andere Männer doch echt ganz anders (aka viel schlimmer) wären!
Dabei haben wir es an diesem Abend erstmal belassen. War ja nicht das erste Mal.
Aber dann kam ein erstes Mal: Er hat sich am nächsten Tag bei mir entschuldigt, hat mir Kernaussagen gespiegelt und Verständnis gezeigt.
Wie hieraus finden?
Und dann habe ich ihn um etwas gebeten: Würde er bitte die 1,5 Stunden investieren und auf der nächsten langen Autofahrt „Liebe Jorinde“ von Mareike Fallwickl anhören?
In diesem wunder- und kraftvollen Buch geht es um ein neues feministisches Miteinander. Mareike findet Worte, die (wie ich hoffte) auch (m)einen Mann zutiefst treffen müssten. Sie ist dabei nicht aggressiv, nicht "männerhassend", aber doch sehr klar in ihren Beobachtungen. Es ginge auch um unsere Söhne (und unsere Tochter), sagte ich.
Und dann?
Zwei Tage später rief er mich unter Tränen aus dem Auto an. Er hatte sich die 1,5 Stunden genommen - und es hat sooo viel verändert. Bei ihm. Bei mir. Bei uns.
Zwei Tage später rief er mich unter Tränen aus dem Auto an. Er hatte sich die 1,5 Stunden genommen - und es hat sooo viel verändert. Bei ihm. Bei mir. Bei uns.
Unter anderem hat es zu einem weiteren intensiven Gespräch zwischen uns geführt, indem es - dieses Mal wirklich konstruktiv - um kognitive und emotionale Sorgearbeit ging. Wie ich diese nun seit 10 Jahren hauptverantwortlich trage, er nur wenn es gerade passt.
Wie ich unsere drei Kinder ausgetragen, geboren und gestillt habe, wie ich so lange für fast alleine für ihre Bedürfnisse zuständig war (oder mich so gefühlt habe), und das auch lange nachdem es schon nicht mehr nur um Körperlichkeit ging - und wie mich das immer noch mitnimmt und fordert.
Und dabei fiel ein ganz entscheidender Groschen, der wohl "prä-Jorinde" nicht gefallen wäre: Er sagte mir (in Reaktion auf eine Situation, die ich ihm aus der letzten Nacht mit drei Kindern im Bett geschildert hatte): „Du kannst mich doch jederzeit wecken, mir sagen, wenn du mich brauchst, und ich helfe dir dann! Ich will dir doch helfen!“ Das ansich ist noch nicht der Groschen -ahnst du, wo es hingeht?
Ich sagte ihm dann die folgenden Worte, die ich in meiner Arbeit schon so oft gesagt und noch öfter gelesen hatte: „Es geht nicht ums Helfen. Ich möchte, dass du DEINEN Anteil machst, ohne mich dabei zu brauchen. Helfen impliziert, dass es eigentlich MEINE Aufgabe sei und du mir netterweise einen Teil davon abnimmst.“
Was sagt mein Partner? „Oh wow, so habe ich da noch nie drüber nachgedacht! Das ergibt total viel Sinn, und ich werde das jetzt besser beherzigen!“ 🤯 Und das tut er seither auch.
Ich weiß nicht, ob es Mareikes Worte als Grundlage waren oder ob ich ihm das tatsächlich noch nie so gesagt habe und stattdessen immer gehofft habe, er würde von selbst darauf kommen – oder es selbst mal irgendwo lesen.
Nun kam es von mir - auch das wieder meine emotionale Arbeit. Aber ich bin sehr froh explizite Worte gefunden zu haben, die Wirkung zeigen. Und nach 10 Jahren Elternschaft und 17 Jahren Partnerschaft vielleicht tatsächlich eine neue Ära des Miteinanders einläuten.
Erkennst du dich hier wieder? Wie hältst du es mit der Balance aus „Ich möchte, dass mein(e) Partner*in das selbst versteht!“ und „Ich will, dass sich etwas verändert - auch wenn ich es dann erklären muss!"?
Wiebke
Dr. Wiebke Vogelaar - Copyright © 2026 - Illustrationen: Sarah Neuendorf @gretasschwester - Fotos: Marcia Friese Fotografie
